Der Tag

"Austherapiert" - Die Angst vor dem letzten Gespräch

Lange hat man hilflos zu ihnen aufgeschaut, jenen Halbgöttern in weiß, die wussten wie unsere Körper funktionieren und die Existenz der Seele außer Acht ließen. Man fühlte sich wie ein unmündiges Kind, wenn man sich ins Krankenhaus begab und konnte daran auch nichts ändern. Diese Zeiten sind vorbei, heißt es. Dank zahlreicher Patientenforen hat sich unser Gesundheitssystem einer transparenten Medizin angenommen, die den Patienten als Gleichberechtigten einbeziehen will. Wie aber sieht das in der Praxis aus? Gibt es tatsächlich keine ärztliche Entscheidung ohne umfassende Aufklärung mehr? Wird der Patient ernst genommen mit seinem individuellen Leiden oder in der knappen Zeit, die für eine Visite bleibt, zum Fallbeispiel? Und was passiert, wenn es nichts mehr mitzuteilen gibt? Wenn der nächste unausweichliche Schritt der Tod ist? Wie gehen die an reinen Fakten orientierten Mediziner mit dem Mysterium um, von dem sie nichts wissen können? Wie wird ein Patient vorbereitet auf die Zeit, in der er "austherapiert" ist und demzufolge nichts mehr zu erwarten hat? Was wir brauchen ist eine neue Kommunikation zwischen Arzt und Patient, die einer verwundbaren Seele Rechnung trägt, ohne wissen zu müssen, was genau das ist, die Seele.

53 Min. | 6.10.2020