Funkempfangsstation auf dem Dachboden von Schloss Solitude in Stuttgart
SWR Kultur

Niki Matita: Fernempfangsstelle

Ohne Limit: ars acustica · 29.06.2024 · 39 Min.
Funkempfangsstation auf dem Dachboden von Schloss Solitude in Stuttgart
Erscheinungsdatum
29.06.2024
Rubrik
Sender
Podcast

Das Projekt "Fernempfangsstelle" ist von der Fernempfangsstation Solitude inspiriert. Es war eine Sendeanlage in einem Barockschloss, dem "Schloss Solitude" bei Stuttgart, die über Kurzwellenfunk die Kontinente verband. Die Geschichte dieser frühen Rundfunkanstalt ist heute lokal ebenso vergessen wie die Lebensgeschichte ihres Erbauers. Die Komposition beschäftigt sich mit dem tragischen Schicksal des Radiopioniers und Technikers Rolf Formis. Der gebürtige Stuttgarter Rudolf (Rolf) Formis hatte im Ersten Weltkrieg als Funksoldat gedient und gehörte zu den ersten Rundfunkteilnehmern im Nachkriegsdeutschland. Er war bereits als freier Techniker für die SÜRAG, die Süddeutsche Rundfunk AG, tätig, als der Sender gegründet wurde und am 10. Mai 1924 ein regelmäßiges Programm aufnahm. 1928 beauftragte der erste Direktor der SÜRAG, Dr. Alfred Bofinger, Formis mit der Errichtung einer Fernempfangsstation auf Schloss Solitude auf einer Anhöhe bei Stuttgart, um Live-Berichte aus Übersee übertragen zu können. Nach der Machtergreifung der NSDAP brachte die Gleichschaltung aller Rundfunkanstalten in Deutschland diese auf Linie. Rolf Formis hatte sich wiederholt den Unmut der Neuen Herren zugezogen und war mit dem Stuttgarter Kabelattentat in Verbindung gebracht worden, bei dem eine Live-Radioübertragung einer Rede Adolf Hitlers mit einem Axthieb unterbrochen wurde. Am 24. April 1934 überquert Rolf Formis die tschechoslowakische Grenze und flieht über Pilsen nach Prag. Der mittellose und festsitzende Formis nimmt schließlich eine Stelle bei der Schwarzen Front als Leiter des Zeitschriftenvertriebs an. Der Anführer Otto Strasser erkannte schnell den Nutzen der brillanten technischen Fähigkeiten des Schwaben für seine Organisation und beauftragte Formis mit dem Bau eines geheimen Senders, um Anti-Hitler-Propaganda ins Reich zu senden. Sie richteten sich in einem Landgasthof, dem Hotel Záhoří, an der Moldau ein, das heute im Wasser eines Stausees liegt. Der Chef des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich beauftragte den SS-Scharführer Alfred Naujocks und Werner Göttsch mit der besonderen Aufgabe, Rudolf Formis zu entführen und damit den unliebsamen Radiosender zu beseitigen. In der Nacht des 23. Januar 1935 wird Formis im Hotel Záhoří ermordet. Die Täter Alfred Naujocks, Werner Göttsch und ihre Begleiterin Edith Kersbach können zurück nach Deutschland fliehen. Die tschechoslowakische Polizei ermittelt wegen Mordes. Rolf Formis wurde auf dem kirchlichen Friedhof in Slapy beigesetzt; lokale Hobbyhistoriker pflegen sein Grab bis heute. Hörstück von Niki Matita | Mit den Stimmen von: Adam Železný, Albert Einstein, Anita Carey-Yard, Arnold Schönberg, Barborka, Christiane Lörch-König, Eduard Svoboda, Eugen Hadamowski, Filiz, Friederike Maier, Hana Železná, Hans Bredow, Heinrich George, J. Strnad, Jacek, Karl Napf, Dr. Křižík, Mary C, Rudolf Formis und anderen | Komposition und Realisation: die Autorin | Produktion: Tschechischer Rundfunk 2023